
Arbeitsstörungen spielen in den meisten Psychotherapien eine
wichtige Rolle: Sei es als Leitsymptomatik oder aber als
begleitendes Symptom neben einer anderen Symptomatik.
Im Folgenden sollen Beeinträchtigungen der Arbeitsfähigkeit, der
Arbeitszufriedenheit und der Arbeitsproduktivität unter dem Aspekt
neurotischer Störung betrachtet werden.
Grundsätzlich ist bei der Untersuchung von Arbeitsstörungen zu unterscheiden zwischen den Bedingungen, die in der objektiven und sozialen Arbeitsumwelt gegeben sind und den Bedingungen, die in der Person, die dort arbeitet, gegeben sind.
Sehr unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen wie die Sozial- und Arbeitswissenschaft, die Arbeitsmedizin, die Ergonomie, die klinische Psychologie - um nur einige zu nennen - untersuchen die Frage, inwieweit bestimmte Bedingungen in der Umwelt oder aber der Person Arbeitsabläufe beeinträchtigen können.
Jede Berufstätigkeit fordert ja in unterschiedlicher Weise die
Erfüllung bestimmter Leistungsanforderungen als auch den
berufsspezifischen Umgang mit Menschen, sei es auf Kollegenebene
oder aber in den Kundenbeziehungen.
Neben diesen Anforderungen ist auch immer der Stellenwert der
Berufstätigkeit im Leben des Einzelnen zu untersuchen, seine
individuelle Bedeutung innerhalb der Selbstwertregulation des
Einzelnen.
„Keine Technik der Lebensführung bindet den Einzelnen so
fest an die Realität als die Betonung der Arbeit, die ihn
wenigstens in ein Stück der Realität, in die menschliche
Gemeinschaft sicher einfügt. Die Möglichkeit, ein starkes Ausmaß
libidinöser Komponenten, narzisstische, aggressive und selbst
erotische, auf die Berufstätigkeit und auf die mit ihr verknüpften
menschlichen Beziehungen zu verschieben, verleiht ihr einen Wert,
der hinter ihrer Unerlässlichkeit zur Behauptung und Rechtfertigung
der Existenz in der Gesellschaft nicht zurücksteht.
Besondere Befriedigung vermittelt die Berufstätigkeit, wenn sie
eine frei gewählte ist, also bestehende Neigungen, fortgeführte
oder konstitutionell verstärkte Triebregungen durch Sublimierung
nutzbar zu machen gestattet“ (Freud, 1930).
Dieses Zitat aus dem Aufsatz „Das Unbehagen in der Kultur“
beantwortet sehr deutlich, welche Bedeutung die Arbeit für den
Einzelnen in unserer Gesellschaft hat und haben kann.
Auf der anderen Seite ist aus dem Erleben ungewollter
Arbeitslosigkeit bekannt, welche negativen Auswirkungen
Arbeitslosigkeit auf die Gesundheit von Betroffenen hat.
Unter Arbeit verstehen wir die erlernte und geplante Organisation, Handhabung und Steuerung der inneren und äußeren Umwelt in einem gegebenen soziokulturellen Rahmen, um ein angestrebtes Ziel so wirksam als möglich zu erreichen. Arbeit ist ein differenziertes individuelles und soziales Geschehen mit vielen einzelnen bewussten und unbewussten Elementen, das der Befriedigung realitätsangemessener Bedürfnisse dienen kann, das aber auch sehr störanfällig sein kann.
Die psychotherapeutische Behandlung neurotischer Arbeitsstörungen muss von daher komplex und mehrschichtig angelegt sein, wobei die relative Unschärfe des Begriffs neurotische Arbeitsstörung immer eine individuelle Definition der zwischen Patient und Therapeut vereinbarten Therapieziele erfordert. Dabei stellen die Bearbeitung der innerseelischen und der interpersonellen Konflikte, die beide psychodynamisch interpretiert werden, entscheidende Therapieelemente dar. Grundlage für die Therapie neurotischer Arbeitsstörungen sind daneben die zentralen Fragen der Arbeitspsychologie nach den Auftrags- und Erfüllungsbedingungen der jeweiligen Tätigkeit, den unterschiedlichen Dimensionen der Arbeitstätigkeit sowie der eigentlichen individuellen Tätigkeitsanalyse.
Ziel dieses verhaltenstherapeutisch und kognitionspsychologisch geleiteten Vorgehens ist die gemeinsame Entwicklung der Erprobung individueller Bewältigungsstrategien. Für die Psychotherapie neurotischer Arbeitsstörungen ist es hilfreich, in einem ersten Schritt persönlichkeitsabhängige Arbeitsstile zu unterscheiden, um zu verstehen, welche neurotischen Konfliktlösungsversuche dem gestörten Arbeitsverhalten zugrunde liegen können, um dann in einem zweiten Schritt zusammen mit dem Patienten günstigere Bewältigungsstrategien entwickeln zu können.
Arbeitsstörungen: Der narzisstische Arbeitsstil
Der Arbeitsgegenstand ist für den
narzisstischen Menschen sekundär, es besteht keine echte innere
Bindung, kein echtes Interesse, er dient lediglich als Vehikel zur
Darstellung der eigenen Größe und Allmacht. Von daher hastet der
Narzisst auch nach Abschluss einer Aufgabe sofort zur nächsten, ist
auf ständiger Suche nach neuen „Großtaten“.
Die Arbeitskollegen werden als Bewunderer oder
aber kritiklose Ja-Sager benötigt. Kritik wird oft als massive
Kränkung erlebt und entsprechend heftig aggressiv zurückgewiesen -
wenn sie denn überhaupt ernst genommen wird. Da der andere eher
abgewertet wird, sind echte Delegation oder Absprachen kaum
möglich.
Im Umgang mit der Arbeitszeit zeigen sich für den
narzisstischen Menschen keine Probleme, da er über der Zeit steht.
Er lässt von daher andere oft lange warten, erscheint überhaupt
nicht und arbeitet in der Regel weit mehr als gefordert und
vielleicht nötig.
Arbeitsstörungen: Der schizoide Arbeitsstil
Der Arbeitsgegenstand - so er sachlich, messbar
und in gewisser Weise „objektiv“ ist - gibt Orientierung in der
Welt, ist von daher sehr wichtig, da dem Schizoiden eine soziale
Orientierung nur kaum möglich ist. Er geht lieber mit seinen Ideen
von Realität bzw. abstrakten Themen um, wobei er kompromisslos und
unabhängig von der Meinung anderer sehr hohe Ansprüche an sich und
an andere stellt.
Arbeitskollegen werden oft aus einer verleugneten
Kontaktunsicherheit und einer Enttäuschungsprophylaxe heraus
misstrauisch beobachtet, in den sozialen Antworten oft gekränkt, da
abwägende Diplomatie oder Einfühlung dem Schizoiden nur kaum
gelingen.
Den Anforderungen des Arbeitsgegenstandes haben sich alle
Mitarbeiter unterzuordnen, insofern bestimmt die Sache, die Aufgabe
den Umgang mit der Arbeitszeit, nicht etwa
persönliche Präferenzen, Neigungen oder Interessen.
Arbeitsstörungen: Der depressive Arbeitsstil
Der Arbeitsgegenstand, die Aufgabe ist für ihn
weniger wichtig als die Arbeitbeziehungen in Harmonie und
Gleichklang, geprägt von Wärme, Nähe und Verständnis.
Bei Arbeitskollegen wird soziale Nähe und
Akzeptanz gesucht, Teamwork und Kooperation werden überwertig
angestrebt. Aus der Angst heraus, den anderen zu verlieren, kann
der Depressive nur sehr schwer fordern, Aufgaben delegieren oder
sich abgrenzen. Das Vermeiden aggressiver Auseinandersetzungen
führt oft zu zeitaufwendigen Diskussionen, die selten zu klaren
Entscheidungen führen.
Der Umgang mit der Arbeitszeit ist insofern
gestört, als sich Depressive keine Grenzen setzen können. Sie
arbeiten oft langsam und werden mit ihrer Arbeit nicht fertig. In
der Freizeit haben sie dann ein schlechtes Gewissen, können sich
also auch hier nicht innerlich abgrenzen und von daher nur schwer
erholen - und arbeiten am nächsten Tag noch langsamer.
Arbeitsstörungen: Der zwanghafte Arbeitsstil
Im Umgang mit dem Arbeitsgegenstand werden
systematische Ordnung, pedantische Reglementierung und Kontrolle
überwertig hervorgehoben. Die Bedeutung der eigenen Arbeit in einem
größeren Zusammenhang wird überbewertet. Aus der Angst vor den
Folgen werden Veränderungen und Wandel blockiert. Aus der
Unsicherheit heraus, einen Fehler zu machen, werden Entscheidungen
hinausgezögert.
Die Beziehung zu Arbeitskollegen wird durch den
Machtaspekt determiniert: Wer ist oben und wer ist unten?
Als Vorgesetzte leben sie Disziplin, Pünktlichkeit und
Selbstbeherrschung, ein Arbeitsverhalten, dem sich die Untergebenen
zu unterwerfen haben. Spontanität und Impulsivität werden von ihnen
unterdrückt, auch neue Ideen anderer, da sie befürchten, diese
nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Von daher können zwanghafte
Menschen nur kaum delegieren, da andere Fehler machen
könnten.
Die Delegationsunfähigkeit und die eingeschränkte Fähigkeit,
Prioritäten zu setzen, die Pedanterie und die ständigen
Auseinandersetzungen um Normen, die eigentlich Machtkämpfe sind,
bringen große Probleme im Umgang mit der
Arbeitszeit.
Arbeitsstörungen: Der hysterische Arbeitsstil
Bezogen auf das Arbeitsverhalten, auf den Umgang mit dem
Arbeitsgegenstand heißt das, dass Neues schnell
begeistert, aber dann bald langweilig wird. Projekte werden nicht
durchgehalten, Stellungen und Aufgabenbereiche werden oft
gewechselt. Der hysterische Mensch ist auf der ständigen Suche nach
neuen Ideen, nach Abwechslung, wobei es ihm im Wesentlichen nur um
die effektvolle Darstellung eigener Ergebnisse in der
Öffentlichkeit geht. Dem gegenüber steht die Unfähigkeit,
beharrlich Durststrecken durchzuhalten und Schwierigkeiten zu
überwinden, das überlässt er gerne anderen. Er scheut daher
Festlegung, Bindung und Verantwortung.
Der Umgang mit Arbeitskollegen wird durch eine
Konkurrenzbeziehung geprägt. Kollegen werden eher als Bedrohung
erlebt, die sich der eigenen Potenz bemächtigen könnten. Der
hysterische Mensch sucht Bewunderer, die ihm das Gefühl geben,
attraktiv und begehrenswert zu sein. Wegen der Angst vor Bindung
sind sie jedoch in der Arbeit kaum verlässlich, was zu erheblichen
Belastungen in der Zusammenarbeit führen kann.
Der Umgang mit der Arbeitszeit ist erheblich
gestört, da - angeblich - die Zeit nie reicht, Projekte zu beenden.
Chaotische Arbeits- und Zeitorganisation werden positiv
ideologisiert, als Gabe zur Improvisation oder als intuitive
Fähigkeit dargestellt.
Die vorgestellten Arbeitsstile der aufgezeigten Arbeitsstörungen treten bei niemandem in reiner Form auf, sondern in Mischformen. Sie beschreiben auch nicht etwas per se Pathologisches, sie zeigen aber auf, welche Grundkonflikte, die früh im Leben ungelöst geblieben sind, ein gestörtes Arbeitsverhalten oder Arbeitserleben mit determinieren können.
Karrierekrisen, die sich in Erschöpfungssyndromen wie Ausbrennen oder Arbeitssucht zeigen können, sind aus psychoanalytischer Sicht umfassend nur zu verstehen, wenn man sich in einem ersten Schritt Klarheit darüber verschafft, welche ungelösten Grundkonflikte das Arbeitsverhalten auf der Ebene des Individuums determinieren.
Ziel dieses psychoanalytisch geleiteten Vorgehens bei Arbeitsstörungen ist es, konfliktorientiert mit den Patienten ein Psychogeneseverständnis zu erarbeiten, ihnen deutlich und erfahrbar zu machen, welche unbewussten Motive aktuelle Arbeitskonflikte mitbestimmen oder aber bei der Berufswahl als Eingangsmotivation eine Rolle spielten.
Die Berufstätigkeit bietet ja die Möglichkeit, kompensatorisch im Sinne einer Selbstkorrektur das anzustreben, was man sein möchte, bewusste und unbewusste Bedürfnisse auszuleben oder aber bestimmte Belastungen zu vermeiden. Wie bestimmte Persönlichkeitsstrukturen zu bestimmten Tätigkeiten passen, so gibt es auch Berufe und Tätigkeiten, die den arbeitenden Menschen psychisch deformieren können.
Neben den in der Person liegenden Variablen der Arbeitsstörungen sind in einem zweiten Schritt die Arbeitsbedingungen zu untersuchen, denn es macht einen großen Unterschied, ob man selbstständig arbeitet oder aber in einem Kleinbetrieb oder aber in einem Großbetrieb angestellt ist. Auch die Tätigkeit als Angestellter im Öffentlichen Dienst oder aber als Beamter bestimmt in charakteristischer Weise die Arbeitsrealität. Leitende, dispositive Tätigkeiten sind von exekutiven Aufgabenanforderungen abzugrenzen.
Es macht für das Arbeitserleben auch einen großen Unterschied, ob man mit hohen Idealvorstellungen, die weit über das Geldverdienen hinausgehen, eine Arbeit in einem Tendenzbetrieb wie einer Gewerkschaft, einer Kirche oder ähnlichem aufgenommen hat und im Verlauf der beruflichen Karriere die Diskrepanz zwischen veröffentlichten Arbeitszielen und der erfahrenen Arbeitsrealität verarbeiten muss.
Damit ist das zweite Grundkonzept der Psychotherapie von neurotischen Arbeitsstörungen angesprochen, die Lösungsorientierung.
In einer gemeinsam mit dem Patienten erarbeiteten Tätigkeitsanalyse geht es um die differenzierte Darstellung der Aufgabenanforderungen, der physischen Anforderungen, der unterschiedlichen positionsabhängigen Rollenanforderungen und den daraus resultierenden zwischenmenschlichen Anforderungen.
Ziel dieses lösungsorientierten Vorgehens bei Arbeitsstörungen
ist die Neustrukturierung von Copingmechanismen im Umgang mit den
externen beruflichen Anforderungen, aber auch dem eigenen
Anspruchsniveau. Weiter geht es um die Erschließung von
Befriedigungsquellen außerhalb der beruflichen Sphäre auf Grundlage
der Ressourcen des Patienten in seiner beruflichen und sozialen
Realität.
Konkret geht es um die Vermittlung grundlegender Informationen und
Techniken zur Zeitplanung und Arbeitsorganisation, um das Erlernen
von Entspannungstechniken wie das Autogene Training oder die
Muskelentspannung nach Jacobson, das Einüben regelmäßiger, nicht
leistungsorientierter sportlicher Betätigung als physischem Ventil
zur Spannungsreduktion sowie die gemeinsame Suche nach
„arbeitsfreien Inseln“ als Befriedigungsquellen im Sinne eines
Genusstrainings.
P. Berger
Diplompsychologe
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Aktualisiert am 02.03.2011