Burnout-Syndrom
„Der ausgebrannte Therapeut –
Selbstfürsorge, oder will ich selbst Patient werden?“
(Burnout-Syndrom bei Psychiatern und
Psychotherapeuten)
Dr. med. Paul Bernhard
Dipl. Psych. Peter Berger
Burnout-Syndrom bei Psychiatern und
Psychotherapeuten
Burnout-Syndrom - Problembeschreibung
- Maximaler Kräfteeinsatz mit dauerhaftem Energieverschleiß
- Missverhältnis zwischen eigenem Bedürfnis und realen
Sachzwängen
- Erschöpfung durch physische und psychische Überforderung
- Übergang von Eu-Stress in Dys-Stress (Salutogenese –
Antonovsky)
Burnout-Syndrom - Charakteristika
- Menschen orientieren sich in der Regel an den erbrachten
Leistungen mit Ausrichtung auf den eigenen Erfolg und die
eigenen Vorteile.
- Burnout-Syndrom -Patienten und Arbeitssüchtige orientieren sich
an ihren nicht erbrachten Leistungen mit völliger Fixierung auf die
Erwartung anderer (H. Heide, 2005)
- Arbeitssucht misst sich nicht daran, wie viel ein Mensch
arbeitet, sondern daran wozu er nicht fähig ist loslassen und
entspannen („To-do-Listen“)
- Der Betroffenen glaubt, sich „freiwillig abzurackern“, was den
Blick auf real Machbares und Gesundheitsgrenzen
versperrt.
Burnout-Syndrom - Symptomatik:
- J. W. v. Goethe erkrankte 37-jährig (1786), während seines
Ministeramtes am Weimarer Hof unter Herzog Karl August an
Erschöpfung, fuhr nach Italien und lebte fast zwei Jahre dort.
- Herbert J. Freudenberger, 1970 (New Yorker Psychoanalytiker)
definierte erstmals Burnout-Syndrom als: „einen Zustand
erschöpfter physischer und mentaler Ressourcen im
Arbeitsleben“.
- G. Mentzel, 1980, definierte erstmals den „Workaholic“
- Etwa 50 % der Patienten der LNK – Berlin-Spandau leiden an
Burnout-Syndrom
- Unter der Diagnose Burnout-Syndrom sind etwa 130 Symptome von
M. Schedlowski(Psychologie, Verhaltensimmunologie Zürich)
zusammengestellt worden
- AOK-Studie 4/05: unter 30.000 Arbeitnehmern klagte jeder dritte
über psychische Belastungen im Sinne eines
Burnout-Syndrom
Burnout-Syndrom - Symptomatik bei Ärzten:
- Viele Ärzte empfinden beim Beginn ihrer Karriere noch Beruf als
Berufung, ihr Wunsch zu helfen, nach Leistung und Altruismus
dominieren. Im Lauf der Weiterbildung wird der Beruf zur zentralen
Lebensaufgabe, der Arzt zum Workaholic. Vor allem Ärztinnen zeigen
relativ früh im Beruf deutliche Entmutigungserscheinungen mit
Überlastung (Abele 2001)
- Burnout-Syndrom -begünstigende Faktoren sind Idealismus,
Verantwortungsbewusstsein, Übereifer, Perfektionismus, Verkopfung
und Zwanghaftigkeit sowie der Wunsch alles selbst machen zu wollen
(Spurgeon 2003)
- Ärzte haben in der Regel den Willen, sich selbst
Höchstleistungen abzuverlangen und sie übernehmen die Verantwortung
für das Leben anderer Menschen. Früher federte das soziale Polster
vieles ab, von einer angemessenen Vergütung der hochqualifizierten
Tätigkeit kann heute keine Rede mehr sein, mit einer Diskrepanz
zwischen ärztlicher Erwartung und Realität (Ruebesam-Simon
2002)
- Case-Management erhöht die Burnout-Quote der Ärzte deutlich,
wie Erfahrungen aus der USA zeigen (Bauer et. al. 2003)
- Emotionale Erschöpfung ist das Hauptelement von Burnout,
Burnout ist die Krankheit des Überengagement (Graham et al
2002)
- Zufriedenheit im Beruf ist der beste Schutz für Burnout. Ärzte
müssen lernen sich eigenes Kranksein zu erlauben (Shanafelt et
al 2003)
- Selbstschutz wird Ärzten nicht beigebracht und steht auf der
Prioritätenlisten ganz unten (Gundersen 2001)
Burnout-Syndrom Befunde bei Psychiatern
(Amstutz et.al. Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
2001)
- Psychiater sind unter den Ärzten am häufigsten durch
Burnout-Syndrom betroffen.
Drei Subgruppen:
o Die Assistenzärzte am
meisten durch Burnout-Syndrom betroffen
o freipraktizierende
Psychiater deutlich
o institutionelle
Führungskräfte sind am wenigsten betroffen
- Assistenzärzte waren in den Persönlichkeitstests „neurotischer
und weniger frustrationstolerant“, die Burnout-Werte
korrelierten positiv mit den Persönlichkeitsmerkmalen Neurotizismus
und der Anzahl der Nachtdienste
- Assistenzärzte hatten die meisten Nachtdienste und die
kürzesten Ferien, leitende Psychiater arbeiteten pro Woche am
längsten, freipraktizierende hatten die kürzeste
Wochenarbeitszeit
- Zu Symptomen: sie sind vielfältig: psychisch und somatisch, v.
a. vegetativ, unspezifisch und diffus, z. B. Müdigkeit,
Schlaflosigkeit
- Deutlich ist eine negative Einstellung mit innerer Leere,
Lustlosigkeit und Ängstlichkeit.
- Schwierigkeit bereitet das Abschalten und das
Sich-Konzentrieren mit zunehmender Verzehr von Genussmitteln.
- Persönlichkeitsvariable spielen eine wichtige Rolle, die
Wochenarbeitszeit hat eine eher marginale Bedeutung
- Testpsychologisch gefunden wurde ein hohen Eigenanspruch mit
Leistungsdruck, eine Vormorbidität im Sinne einer frühen
existenzprägenden Erfahrung von Hilflosigkeit und Unzulänglichkeit
und das gehäufte Auftreten von Burnout-Syndrom bei Angehörigen
helfender Berufen, wobei „nur bestimmte Persönlichkeitstypen einen
Beruf im Gesundheitssektor wählen und als Helfertyp an sich schon
eine Prädisposition in sich tragen“.
- Die Prävalenz und Inzidenz für Burnout-Syndrom bei Ärzten ist
in allen westlichen Ländern vergleichbar und liegt bei 20 %
- Das Suizidrisiko (Gundersen 2001) ist bei Ärzten
überdurchschnittlich erhöht („I have done to much, for to many, to
long, with to litle regard for myself“
- Innerhalb der Ärzte suchen die Psychiater am häufigsten den
Freitod, gefolgt von den Anästhesisten. Vergleichbar hoch ist auch
die Suizidrate bei PsychologInnen (Untersuchung von Reimer,
Gießen)
Somatische Auswirkungen von Burnout-Syndrom
Somatische Folgen:
1. Gesteigerter Energieeinsatz und
Spannungssymptomatik
- Dauerenergieeinsatz führt zu Sympaticussteigerung
- Sympatikotone Einstellung führt zu Spannungsvermehrung
mit:
o
Kopfschmerzen
o
Rückenschmerzen
o
Schlafstörungen
o
Zähneknirschen
o
Bluthochdruck
- Metabolisches Syndrom als langfristige Folge mit:
- Gesteigerten Stresshormonen, vor allem Cortisol
o
Hypertonie, Herzinfarkt
o
Diabetes
2. Verminderter Energieeinsatz mit subjektiver
Erschöpfung und Resignation:
- Führt zu Rückzug mit Parasympaticussteigerung
- Mit depressivem Syndrom wie:
o
Gewichtszunahme (kompensatorische Hyperphagie)
o
Müdigkeit, Schwindel
o
Fehlleistungen, Vergesslichkeit
o
Resignativer Rückzug
o
Vermeidung
Allgemeine Burnout-Syndrom-Belastungsfaktoren in der
Klinik
- Reglementierung, Bürokratie
- Arbeitsverdichtung
- Globalisierung der Gesundheitspolitik mit Vergleichbarkeit
- Konjunkturflaute und Patientenmangel in der Psychotherapie aus
Existenzangst
- Internetvernetzung mit Transparenz und Vergleichbarkeit der
Leistungen
- Qualitätsmanagement und Leistungssteigerung mit vorgegebener
Leistungsnorm (KTL)
Spezielle Psychiatrisch-psychotherapeutische
Belastungsfaktoren
- Aus der Klinischen Arbeit
- Hohe idealistische sozialmedizinische Einstellung
(Berufswahl)
- Hohe therapeutische Beziehungsorientierung (PA-TF-VT) „Die
Medizin ist eine Weise des Umgange des Menschen mit dem Menschen“
(V.v. Weizsäcker)
- Hohe Bereitschaft zu Verausgabungs- und
Unterordnungstendenz
- Geringer Therapieerfolg
- Abnehmende soziale Berufsakzeptanz (soziales Ansehen,
Gehalt)
- Zufriedenheit bei den psychologischen Psychotherapeuten 81,4 %,
bei den ärztlichen Psychotherapeuten nur 62,3 % (bei den
Psychiatern ?) (Reimer 2005)
Zu psychiatrisch-psychotherapeutischen
Belastungsfaktoren aus dem
Patientenkontakt
►
Ständige Beschäftigung mit persönlichen, emotionalen und privaten
Qualitäten von Störungen
► Emotionale
Überbeanspruchung durch Negativität, Leid, Entwertung, Sucht,
Suizidalität
(Übertragung) (Reimer 2000, 2005)
► Kognitive und
emotionale Einstellung auf Ver-rücktheit
►
Koryphäen-Killer-Syndrom (Overbeck)
► Relativ wenig
Erfolgserlebnisse (seltene Heilung, Therapieabbrüche)
► Vermehrt chronifizierte
Patienten durch verbesserte ambulante Therapiesituation
(Reimer
2005)
Belastungsfaktoren für die Ich-Stabilität und
Ich-Stärke
- Bedrohung des inneren Gleichgewichts durch Belastungsfaktoren
aus dem Patientenkontakt
- Überforderung der seelischen Integrationsleistung
- Bedrohung der Grenzen der eigenen Integrität
- Konfrontation mit eigenen biografischen Anteilen
(Gegenübertragungsprobleme)
- Selbstkontrolle andrängender depressiver oder aggressiver
Impulse
- In der analytisch orientierten Psychotherapie u. a. erotische
Impulse (USA 10 %).
- DGPPN – Studie Berlin 11/05 über Burnout-Syndrom bei
Psychiatern (in Arbeit) mit den Hypothesen: (nach Maslach und
Schaufeli 1993)
o dysphorische
Symptome mit Erschöpfung und niedergedrückter Stimmung herrschen
vor
o Symptome
des Verhaltens des seelischen Bereichs überwiegen die körperlichen
Symptome
o Effektivität
und Arbeitsleistung nehmen auf Grund der negativen Einstellungen
und Verhaltensweisen ab
o Menschen
mit einer Disposition für Depressionen sind vulnerabler für
Burnout-Syndrom
Belastungsphasen des Burnout-Syndroms
1. Neurotisch gesteigerte
Leistung:
- Zwang sich zu beweisen
- verstärkter Einsatz
- Vernachlässigung eigener Bedürfnisse
2. Übersteigerte Leistung,
Eu-Stress wird zu Dys-Stress
- Verdrängung von Konflikten
- Umdeutung von Werten, im Zentrum steht der Job
- Verleugnung der auftretenden Probleme mit: Zynismus,
Gereiztheit, Intoleranz – als Problemursache gilt v. a. der
„Zeitdruck“.
3. Somatisierungs- und
Verhaltensänderung
- Rückzug: soziale Isolation, Resignation, Alkohol oder
Medikamente
- offensichtliche Verhaltensänderungen
4. Erschöpfungsdepression
als psychosomatische Notbremse
- Aus Engagement wird Ängstlichkeit und Nervosität, Schuld sind
die anderen, die Umstände etc. mit Projektion, Verschiebung,
Umkehr
- Depersonalisierung: kaum Selbstgefühl, Funktionieren,
Entfremdung
5. Dekompensation
- Innere Leere, Reizüberflutung (Fernsehen, Alkohol)
- Depression mit Apathie und Agitiertheit
- Burnout mit „Nervenzusammenbruch“, Gefühl der Sinnlosigkeit,
des Versagens -Suizidgedanken
Psychoanalytische Hypothesenbildung
Verausgabungs- Unterordnungstendenz als Voraussetzung
für Burn-Out bei Helfersyndrom (Basismodell)
- Früher Regressionsmangel (nicht gewollt sein, wenig
Bemutterung)
- Gestörte Symbiose, vor allem durch mütterliche Fehlreaktionen
wie:
o Überlastung
(Rollenkonflikt)
o Ablehnung (Konflikt:
Kind sein – Kind haben)
o Überbesetzung,
Überbehütung (Delegation, Projektion)
o Emotionaler
Vernachlässigung mit materieller Verwöhnung
o Subjektives
Anmutungserleben des Säuglings/Kleinkindes:
„So wie ich bin werde ich nicht gemocht“
► Folgen: Passiv
Resignation/Depression,
Unterordnung
Aktiv Kompensation
durch Verausgabung mit Leistungsangebot als sozio-kulturelle
Chance
► Ziel
: Gemochtwerden
durch sozio-kulturelle Adaptation
► Auswirkung
in:
Berufswahl: Helferberufe bevorzugt
Partnerwahl: Versorgende, fürsorgliche
Positionen
„Neurotische Berufswahl“ als Kompensationsversuch
eigener Ich-Schwäche:
Im Mittelpunkt einer neurotischen Berufswahl steht weniger der
Patient, sondern mehr der eigene Konflikt und seine Kompensation
durch psychiatrisch-psychotherapeutische Tätigkeit.
In der Psychiatrie:
Der „ver-rückte“ Patient mit der psychiatrischen Situation
der:
► größeren Abhängigkeit des Patienten in der Beziehung zum
Therapeuten
► Problematik der Normalitätsfragen und Normfindung
► Machtmöglichkeit durch juristische Regelung und
Medikationszwang
Der Psychiater kann sich mehr schützen vor innerer
Überlastung
► durch objektivierende
Diagnostik
► durch die Möglichkeit des konkreten Handelns
In der Psychotherapie:
Der psychosozial
leidende „Normalpatient“ mit der psychotherapeutischen Situation
der:
► Abhängigkeit des Therapeuten in der Beziehung zum Patienten
(Therapeut wird zum Patient)
► Abgrenzungsproblem des Therapeuten von der Leidensnähe des
Patienten zum Therapeuten
mit Gegenübertragungsagieren
Der Psychotherapeut kann sich mehr schützen vor innerer
Überlastung:
► durch die Begrenzung seiner
Zuständigkeit
► durch die Passivität seines Handelns (die lediglich bei
Suizidalität in Frage gestellt wird)
Persönlichkeitsstrukturen und
Burnout-Syndrom
Seins-Modi
und psychosoma-tische Lebens-bereiche |
Triebebene
Struktur
|
Erleben(neurotisch)
|
Tendenzen und Konflikt
-ebene |
Beziehung-intensität + Beziehungs-ziel Beruf
|
Sympto-matik:
- bio - Somatisch
|
Sympto-matik:
- psycho -
Psychisch
|
Sympto-
matik:
- sozial-
Sozial
|
Burnout-Intensität (+)
Burnout-Ziel
|
|
Symbiose
Ernährung
Magen-Darm
„Armut“
|
Oral (1. Lebensjahr)
Depressive Struktur
Ich-Du-(Symbiose)
|
Anteilnahme am Anderen
(hoffnungslos)
|
Unterordnung, Verausgabung, Frieden und
Bindung
um jeden Preis
|
++
Versorgung
Heilberufe
|
Magen-Darm,
Essstörung,
(Übergewicht und Magersucht)
|
Depression, Resignation (Clownerie)
Überbescheidenheit, Hilflosigkeit
|
altruistisch, aufopfernd, Helferberufe |
+++ Verausgabung, Unterordnung
|
|
Aggression –
Verteidigung
Bewegungsapparat
„Demut“ - „Gehorsam“
|
Anal
(2. - 4. Lebensjahr)
Zwanghafte Struktur Über-Ich
|
Kämpferische Abgrenzung, Struktur
(schuldgefühlshaft)
|
Ordnung und
Prinzip
Konfrontation, Kampf und Sieg um jeden Preis
Gefühlsabspaltung
|
+
Absicherung
Banker
Versicherung
Polizist
Vertragswesen
|
Muskulatur, Gelenke, „Bandscheiben“
(Schmerzen)
|
Kontrolle,
Eigensinn, Zwanghaftigkeit, Geiz, Ordnungsliebe,
Kampfbereitschaft
|
Organisator, Institutionen mit Prinzipien, Machtstrukturen und
Kontrollen |
+
maximale Leistung
(„preußische Haltung“)
|
|
Fortpflanzung
Sexualorgane
„Keuschheit“
|
Genital
(5. – 6. Lebensjahr)
Hysterische Struktur Ich-Wir (ödipal)
|
Zärtlichkeit, Sexualität, Familie
(unattraktiv, schüchtern)
|
Erotisierung, Erlebnishunger, Attraktivität
um jeden Preis
|
(+) (+) (+)
Action
Künstler
Koordinator
Organisator
|
Erotik,
Sexualität (Potenz), Konversionssymptomatik (Haut/Kreislauf)
|
schillernd, faszinierend, abergläubisch,
verführerisch
|
im Mittelpunkt,
theatralisch, dramatisch, affektlabil, manipulativ, infantil
|
+
Überaktivität
(„auf allen Hochzeiten“)
|
|
Selbstwert
Gesamt-erscheinung
(Bescheidenheit)
|
(0. – 6. Lebensjahr)
Narzisstische Struktur Ich-Ideal
|
Elitebewusstsein, Erfolg,
soziale Wesentlichkeit
(minderwertig, gekränkt)
|
Leitungsposition
Karrieresucht, Höchstleistung
um jeden Preis
|
(+)
Sozialprestige
Vorzeigbarkeit
Leitende und
wichtige Person
mit Titel
|
Übertriebene Schönheits-Operationen, Fitnesssucht, körperliche
Extremleistung
(sozialer Eklat)
|
Maximalerscheinung, Entwertung, Sucht, Suizidalität
(„Als-ob-Persönlichkeit“)
|
Führungsposition,
rücksichtslose Karrieresucht, oberflächliche Beziehungen,
(„splendid isolation“)
|
++
tiefe Kränkbarkeit
bis Betäubung und Selbstzerstörung |
Überlastungshypothese:
Die Reaktion auf Überlastung und die individuellen
Kompensationsmechanismen sind v. a. abhängig von der jeweiligen
Persönlichkeitsstruktur und der Ich-Stärke des
Therapeuten.
Überlastungssituationen in Abhängigkeit zur
Persönlichkeitsstruktur und Ich-Schwäche
Depressive Struktur:
Klassischer Helfer
- überhöhte Hilfsbereitschaft mit wenig Dank
- hohe Verausgabungstendenz und Verantwortungsübernahme
- zu geringe Abgrenzung
- muss sich Zuwendung und Beachtung „verdienen“
- hat für jeden und alles Verständnis
- möchte von allen „gemocht werden“
Zwanghafte Struktur:
- überhöhte Leistungsziele bei geringem Erfolg
- Über-Ich-gesteuert über Ordnungsprinzipien, Leistungsnormen und
Gerechtigkeitsempfinden
- Unterordnungsbereitschaft unter die Bedürfnisse der anderen
(Kollegen, Patienten)
- Unterordnungsbereitschaft auch unter überhöhte Leistungsnormen
der Institution
- ist zuverlässig und berechenbar
- „es hat zu funktionieren„, mit der Gefahr sich zu verzetteln
oder zu verkämpfen in Prinzipien und überhöhten
Leistungsnormen
Hysterische Struktur
„Eine Kerze, die an zwei Enden
gleichzeitig brennt“
- überzogene Wichtigkeit und Aktivität mit wenig Anerkennung
- Maximaltherapie, aber weniger zielgerichtet und abwägend
- Pseudo-Partnerbeziehung bis Infantilisierung des Patienten
- kann alles, weiß alles, nimmt es nicht so genau
- in der Tiefenpsychologie u. a. Erotisierungsbelastung
- ist unberechenbar
Narzisstische Struktur
- Ausnahmeerscheinung mit Führungsanspruch, aber ohne
entsprechende Position
- auf Karriere ausgerichtet
- ist sich selbst und seinem Ansehen verpflichtet
- wenig Lebensfreude und Bezogenheit
- Orientierung weniger am Patienten, mehr am vorzeigbaren Erfolg,
Prestige und der sozialen Resonanz
- Patient wird zum „Selbstobjekt“
- Ziel ist mehr der jeweilige Superlativ und die
Vorzeigbarkeit
Neurotische Abwehrmechanismen des Therapeuten als
Kompensationsversuch eigener Ich-Schwäche
Identifikatorischer Irrtum:
aus eigenem ähnlichen Leiden,
Identifikation mit dem Patientenleiden
und dem bedingungslosen Geholfen-bekommen
durch die eigene und institutionelle Aktivität.
Neurotische Helferhaltung bei vorwiegend depressiver
Struktur.
Identifikation mit dem Aggressor
Der Therapeut identifiziert sich mit dem „Aggressor“ Kliniknorm
oder Gesundheitsordnung und „therapiert“ den Patienten über diese
Therapiemaßnahmen im Sinne der Norm zur sozialen Integration und
Unterordnung
Projektive Identifikation:
Der Therapeut schafft aktiv und mit geeigneten Patienten
Bedingungen zur Kompensation seines eigenen unbewussten Leidens
(Therapie- und Patientenmanipulation)
z. B.:
bei Depression: „Geschenke“
bei Zwanghaftigkeit: Rechtsstreit als Abfuhr eigener unbewusster
Aggressionen
bei Hysterie: Verführbarkeit und Faszination
bei Narzissmus: der Vorzeigepatient für wissenschaftliche
Präsentationen
Narzisstische Idealisierung des Helfens:
Die helfende Aktivität soll, v. a. beim Narzissten, das Prestige
und den Selbstwert fördern und den Bekanntheitsgrad erhöhen.
Ein Erleben des Größenselbst aus der eigenen Bedeutung in der
Hilflosigkeit des Patienten.
Burnout-Syndrom- „Belastungsformel“
|
Patienten-„Dyssozialität“ x
institutionelle Belastung Ich-Stärke des
Therapeuten
|
Die „Dys-Sozialität“ des Patienten ist um so stärker:
- je größer die krankhafte soziale Veränderung
- je größer der Therapiewiderstand
- je geringer die Beziehungsfähigkeit und
Introspektionsfähigkeit
- je geringer die medikamentöse Beeinflussbarkeit
- je geringer die sozialmedizinische oder juristische
Regelbarkeit
Die institutionelle Belastung ist um so größer:
- je geringer die hierarchische Verantwortungsentlastung
- je geringer die Teamkohärenz und Kooperation
- je höher die institutionellen, organisatorischen Belastungen
und Irritationen (Bereitschaftsdienst, Angehörigenbeschwerden)
- je schwächer das institutionelle Salutogeneseprinzip
(Dys-in-Eu-Stress)
Die Ich-Stärke des Therapeuten ist um so geringer:
- je größer die Verausgabungstendenz
- je stärker die Unterordnungstendenz
- je geringer die Berufsidentität
- je ideologisierter der Therapieansatz
- je persönlichkeitsnäher die emotionale Beanspruchung durch den
Patienten
- je höher das therapeutische Ich-Ideal
Therapie-Hypothesen:
Sandler: „it has to be comfortable“ (kasuistisch technisches
Seminar Regensburg 1990)
Bei Dys-Stress durch Adaptation zu Eu-Stress durch:
Verhaltensreflektion:
- Zeitmanagement
- Coaching und Teamsupervision
- Balintgruppenarbeit über den Problempatienten
- Selbsterfahrungsgruppe
- Reflektion in eigener Psychotherapie
Institutionelle Unterstützung:
- Entlastung durch Verantwortungshierarchie und Struktur
- Modellfunktion der Verantwortungsträger
- Teamkooperation und Kohärenz
- fachspezifische Weiterbildungsorganisation
- Team- und Fallsupervision
- Privatbereich:
- soziales Netz (Freunde)
- Beziehungskonstanz (Partnerschaft)
- gesunde Lebensweise (Ernährung, Schlaf, Freizeit)
(Gesundheitsbeeinträchtigung. 51 % bei Ärzten, 29,9 % bei
Psychologen, Reimer 2005)
- körperlicher Spannungsabbau (Sport)
- Entspannungstechniken (AT, PMR)
Reimer (2005): Die Ärzte sollten „verstärkt ihr eigenes
psychisches Wohlergehen beachten und ihre Empfehlungen für die
Patienten auch für sich selbst nutzen“
Ihr Team von der HWK II