
Posttraumatische Belastungsstörung Typ I und Typ II
Einfache posttraumatische Störung (Typ-I-Trauma)
und komplexe posttraumatische Störung (Typ-II-Trauma)
1. Was ist ein seelisches Trauma?
Das Wort „Trauma“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet Verletzung, Wunde, Niederlage. Ein psychisches Trauma kann man also als eine Art seelische Verletzung verstehen. Wann kommt es zu einer solchen Verletzung?
Im körperlichen Bereich wird eine entsprechend gewaltsame äußere Einwirkung, z.B. ein Fall aus großer Höhe, mit größter Sicherheit bei jedem Menschen Verletzungen hervorrufen. Aber nicht jeder, der auf Glatteis ausrutscht und fällt, bricht sich ein Bein. Es kommt auch auf die Reaktionsschnelligkeit des Betroffenen, auf seine allgemeine Beweglichkeit, auf die Elastizität oder Brüchigkeit seiner Knochen usw. an. Vergleichbar ist das bei einer seelischen Verletzung: Ein bis dahin im persönlichen und beruflichen Bereich erfolgreicher, in sich ruhender erwachsener Mensch, der durch ein einmaliges traumatisches Erlebnis - z.B. einen Verkehrsunfall - aus der Bahn geworfen wurde und eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt hat, wird leichter behandelbar sein als eine in ihrem Selbst- und Weltverständnis schwer gestörte Frau mit chronisch komplexer posttraumatische r Belastungsstörung, die als Kind wiederholter innerfamiliärer komplexer sexualisierter Gewalt oder fortgesetzter körperlicher Misshandlung ausgesetzt war und deshalb keinerlei Vertrauen in sich oder andere entwickeln konnte.
2. Nach der Art und Schwere des Traumas wird also vereinfachend unterschieden zwischen:
Monotraumata (einmaliges Trauma) im Erwachsenenalter z.B. Verkehrsunfälle, Naturkatastrophen, aber auch Überfälle u.a.(Typ-I-Trauma)
in frühem Lebensalter beginnende und fortgesetzte, komplexe Traumatisierung durch einen (un-)menschlichen Täter (Typ-II-Trauma)
Die Art und Schwere der traumatischen Situation ist aber stark mit entscheidend für die Häufigkeit, mit der sich in der Folge eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt. Unzweifelhaft am häufigsten - dies ist wissenschaftlich belegt - führen frühe innerfamiliäre Ereignisse sexualisierter Gewalt, fortgesetzte körperliche Misshandlung oder schwere körperliche und/oder emotionale Vernachlässigung und chronische Ablehnung zur posttraumatische n Störung im Erwachsenenalter.
3. Warum ist eine Unterscheidung zwischen einfacher und komplexer Störung wichtig?
Eine Unterscheidung zwischen einfacher bzw. komplexe posttraumatische r Störung ist aus mehrfachen Gründen von wesentlicher Bedeutung: Schwere Formen von innerfamiliärer Misshandlung und sexualisierter Gewalt ereignen sich in der Regel nur in einem sehr gestörten familiären Milieu. Diese Vorbelastungen bedeuten meist, dass die Betroffenen sehr viel weniger Bewältigungsmöglichkeiten und Kraftquellen - wir sagen „Ressourcen“ - haben, um traumatische Erfahrungen bewältigen zu können. Außerdem handelt es sich gerade bei innerfamiliären Traumatisierungen sehr häufig um Mehrfachtraumatisierungen über einen längeren Zeitraum. Darüber hinaus macht es für die innere Verarbeitung einen wesentlichen Unterschied, ob das persönliche Leid von nahestehenden Bezugspersonen verursacht wurde, von denen eigentlich eher Geborgenheit, Versorgung und Sicherheit erwartet wird oder ob jemand etwa im Erwachsenenalter durch einen schweren Verkehrsunfall traumatisiert wurde.
Im ersten Fall wird in der Regel die gesamte psychische Entwicklung beeinträchtigt. So konnte beispielsweise in einer Studie gezeigt werden, dass die Betroffenen, die als Kind in der Herkunftsfamilie sexueller Gewalt ausgesetzt waren, wesentlich schwerere Symptome aufwiesen als diejenigen, denen solches erst im Erwachsenenalter außerhalb der Familie widerfahren war. In anderen Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass Traumata, die durch Menschen verursacht wurden wie z.B. durch Verbrechen, in der Regel schwerwiegendere Auswirkungen hatten als Traumata wie z.B. durch Naturkatastrophen, Unfälle oder ähnliches. Bei traumatischen Erfahrungen im Erwachsenenalter ist die vorhergehende Persönlichkeitsentwicklung durch spätere Einwirkung des Traumas unbeeinträchtigt. Diese unterschiedliche Betrachtung ist insbesondere im Hinblick auf die Behandlungsstrategie notwendig und sinnvoll, da frühgeschädigte PatientInnen in der Regel wesentlich mehr unterstützende und stabilisierende therapeutische Elemente benötigen, um das Trauma zu bewältigen.
3.1 Die (einfache) posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oderTyp-I-Trauma
Die einfache posttraumatische Belastungsstörung ist eine verzögerte oder verlängerte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Typische Merkmale sind:
Das wiederholte Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen (Nachhallerinnerungen, Flashbacks), Träumen oder Alpträumen, die vor dem Hintergrund eines andauernden Gefühls von Betäubtsein und emotionaler Stumpfheit auftreten.
Gleichgültigkeit, Teilnahmslosigkeit, Freudlosigkeit sowie Vermeidung von Aktivitäten und Situationen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen könnten.
Ein Zustand von schneller Erregungsbereitschaft und fehlender Entspannungsfähigkeit, einer übermäßigen Schreckhaftigkeit und Schlafstörungen.
Angst und Depression, Suizidgedanken sind nicht selten.
3.2 Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder Typ-II-Trauma
Dabei handelt es sich um eine Fülle von Symptomen auf dreierlei Gebieten:
1. Gefühlsstörungen und Störungen der Gefühlsregulation
Stimmungsschwankungen
Verminderte Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen
Selbstverletzendes Verhalten
Risikoverhalten
Suizidalität
Depressive Lebenseinstellung
Fehlende Zukunftsperspektive
Verlust von Grundüberzeugungen und Werten
2. Störung der Beziehung zu sich selber (mangelnde Selbstempathie)
Unzureichende Selbstfürsorge
Gefühl, dauerhaft zerstört zu sein
Schuldgefühle/Schamgefühle
Gefühl, isoliert und abgeschnitten zu sein
3. Störung der Beziehung zu anderen
Unfähigkeit zu Vertrauen
Tendenz, immer wieder sich als Opfer zu fühlen
4. Probleme mit traumatischen Erinnerungen
Somatisierungen (körperliche Symptome ohne feststellbare organische Ursache)
Schmerzen, Bewegungsstörungen, Verdauungsprobleme u.a.
Übermäßige Ängstlichkeit und Besorgtheit bezüglich körperlicher Erkrankungen
Dissoziative Symptome
Erinnerungslücken
die Erfahrung, sich von den eigenen geistigen Prozessen oder vom
eigenen
Körper losgelöst zu fühlen oder sich als außenstehender
Beobachter seiner selbst zu erleben bis hin zu einer
dissoziativen Identitätsstörung
Traumabehandlung
Die in unserer Abteilung durchgeführte Integrative Traumatherapie orientiert sich sowohl bei einer (einfachen) posttraumatische n Störung (Typ-I-Trauma) als auch bei einer komplexen posttraumatische n Störung (Typ-II-Trauma) an dem Dreiphasenmodell, welches sich in der modernen Traumatherapie durchgesetzt hat:
· Stabilisierung
· Traumaexposition (Arbeit mit den traumatischen inneren Bildern)
· Neuorientierung (Leben „nach dem Trauma“)
Bei jeder Traumatherapie ist die Stabilisierungsphase die erste Stufe der Behandlung und bildet die Grundlage und Voraussetzung für alle weiteren Schritte, wobei jedoch die Stabilisierungsphase bei der komplexen posttraumatischen Störung eine wesentlich tiefgreifendere Bedeutung hat und eine erheblich längere Zeitdauer bis hin zu mehreren Stabilisierungsbehandlungen umfassen kann.
B. Landgrebe
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Aktualisiert am 08.06.2011