
Psychosomatik der Rückenschmerzen
Rückenschmerzen kennen irgendwann etwa 90% aller Menschen. Sie leiden mindestens einmal im Leben darunter. 90% all dieser Personen wurden mit gesundem Rücken geboren. Jedoch wird im Laufe des Lebens die Wirbelsäule, gewissermaßen „die Seele des Körpers“, nicht richtig benutzt. Was ihr am meisten zu schaffen macht, ist vor allem falsches Sitzen. Und das fängt schon im Kindergarten oder in der Schule an. Das Mobiliar ist meist veraltet und nicht für die Kinder von heute konzipiert, die im Durchschnitt größer sind als frühere Generationen. Hinzu kommt eine meist noch schwache Muskulatur, weil Kinder nicht mehr so oft draußen spielen. Sie sitzen mit krummem Rücken lieber vor dem Fernseher oder Computer. Der Rücken kann sich oft zunächst gut anpassen. Es dauert meist Jahrzehnte bis er schmerzt. Die Muskulatur wird geschwächt, die Balance zwischen den verschiedenen Muskelgruppen stimmt nicht mehr, die Stabilität der Gelenke nimmt ab und der Rückenschmerz zu. Akuter „Hexenschuss“ und Ischiasbeschwerden können zusätzliche Folgen sein. Je mehr Bauch- und Rückenmuskulatur trainiert werden, desto besser wird das Skelett gestützt. Es wirkt dann wie ein natürliches Korsett.
Psychologische Auslösefaktoren für Rückenschmerzen
Seelischer Kummer schlägt oft auf Herz und Magen. Aber die Seele kann auch Rückenschmerzen verursachen. Wenn man Angst im Nacken spürt oder vor Kummer den Kopf hängen lässt, führt es häufig zu Verspannungen und Verkrampfungen in der Rückenregion. Dauerstress löst bei vielen Menschen Rückenschmerzen aus. Besondere Faktoren stellen Leistungs- und Erfolgsdruck, wie auch Angst vor Fehlern und Versagen.
Psychotherapie von Rückenschmerzen
"Das schlägt mir auf den Magen", "Das bereitet mir
Kopfzerbrechen.", "Da bleibt mir die Luft weg". Dies sind häufig
verwendete Redewendungen und Klagen. Schon
Meinungsverschiedenheiten mit einem anderen Menschen, die man nicht
offen klären kann, können "auf den Magen schlagen". Der Bauch tut
weh, man verliert den Appetit oder muss sich übergeben. Wenn man
einen Konflikt nicht im Austausch mit seinem Gegenüber ausdrücken
und lösen kann, drückt ihn meist der Körper mit körperlichen
Beschwerden aus. Es gibt noch viel mehr Beispiele für mögliche
"psychosomatische Krankheitsgeschehen". Dies sind Beschwerden, die
durch psychische Konfliktsituationen und Stress zu somatischen
Problemen werden. In jedem Fall muss man den Menschen bei der
Behandlung in seiner Ganzheit sehen.
Wie auch bei dem umgekehrten Fall, der "Somatopsyche", bei der
psychische Probleme aus organisch-körperlichen Geschehen
resultieren, muss man diesen Zusammenhang und ihre wechselseitigen
Beeinflussungen berücksichtigen.
Jeder Krankheitsprozess kann im Spektrum zwischen diesen beiden Polen liegen.
Körperhaltung als Spiegel der Seele
Für Rückenschmerzen in den unterschiedlichen Abschnitten der Wirbelsäule lassen sich gleichsam symbolisch psychologische Haltungen und Begrifflichkeiten finden.
Z. B. für den Bereich der Kopf-Hals-Wirbel-Säule Begriffe wie Hartnäckigkeit, Halsstarrigkeit, Kopf hängen lassen, halsbrecherisch, Nackenschläge, Behauptung.
Für Rückenschmerzen im Bereich der Schulter-Arm-Brust-Wirbelsäule Begriffe wie stramme Haltung, aufrechte Haltung, gebeugte Haltung, kein Rückgrat haben, Fehlhaltung, Stocksteif.
Und z. B. für Rückenschmerzen der Lenden-Wirbel-Säule und des Steißbeins Begriffe wie Lenden lahm, Kreuz lahm, krummer Hund, sich hängen lassen, sich aufbäumen, Kreuz brechen.
Ein psychosomatischer Überforderungskreislauf könnte wie folgt skizziert werden:
Stress
führt 1.
zu Verspannung,
es resultiert 2. Fehlhaltung,
3. Verspannung steigt,
4. Schmerz entsteht,
5. noch höhere Verspannung
entsteht
so beginnt der Teufelskreis.
Es gibt verschiedene Schmerztypen die sich oft vermischen.
Eine Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Psycho- und Physiotherapeuten ist günstiger als monosymptomatische Ansätze..
Beim Kopf-Hals-Wirbelsäulenschmerz können psychologische Komponenten eine Rolle spielen wie z. B.: ein Minderwertigkeitskomplex, Selbstunsicherheit, Angst das Gesicht zu verlieren, sich nicht behaupten zu können. Besonders Überanstrengung, Verausgabung, Überforderung, Overprotecting und Angst z. B. durch Erziehung, Verunsicherung und Mangel an Selbstbewusstsein, das Haupt aufrecht zu tragen, stehen im Vordergrund.
Wiederholen sich solche Situationen oft, kann der Konflikt zwischen Behauptung und Angst zu versagen. zu einer ständigen Verspannung bis Verkrampfung der Haupt- Nacken- und Halsmuskulatur, zu häufigen Kopf- Nacken und Halsschmerzen und so zu einem "HWS-Syndrom" führen.
Beim Schulterschmerztyp können eine Rolle spielen: unterdrückte Aggressivität, Angst der Auto-Aggression, Angst andere Menschen zu verletzten, nicht fähig Wut auszudrücken, Hemmung der natürlichen Ausdrucksformen der Aggressivität, reißt sich zu oft zusammen. Er wird zunehmend Schmerzen im Bereich der Schulter bekommen.
Beim Arm-Handschmerztyp spielen eine Rolle: ballt häufig die Faust, Nägel knabbern, fuchtelt mit Armen und Händen, klopft auf den Tisch.
Er wird sich im Bereich der Hände bzw. Arme verspannen und die häufige Wiederkehr solcher Abläufe führt zu chronischen Verspannungen und Schmerzzuständen des sog. Daumenballen-, Muskelatrophie- oder auch KTS-Syndroms (Karpal-Tunnel).
Beim Brustwirbelsäulenschmerztyp stehen psychologisch im Vordergrund: Gefühle der Mutlosigkeit werden herabgesetzt, Trauer und Verzweiflung werden unterdrückt, sie lassen den Kopf hängen , sie runden Ihren Rücken (Hyper-Kyphose-Haltung), mit der Zeit, sich hängen lassen. Mutlos und traurig sein schafft Voraussetzungen für BWS Verspannungen und Schmerzen.
Beim Lendenwirbelsäulen und Steißbeintyp: durch Überforderung, Frustrationen, Störungen der Sexualität, aushalten der gestörten Situationen aus moralischen oder ethischen Gründen, nicht weglaufen aus finanziellen Gründen.
Das Ungleichgewicht zwischen "Innen und Aussen" bringt Verkrampfungen und Schmerzen im ISG- Becken- und Hüftbereich, also ein LWS-Syndrom.
Therapieformen bei Rückenschmerzen
Sinnvoll erscheint es, Maßnahmen zu unternehmen um einen momentanen
Gefühlsstau lösen durch z.B. fixierte Gewohnheiten im alltäglichem
Leben zu ändern, Urlaub zu machen, Rehabilitation zu beantragen,
entspannungsbringende Betätigung zu finden, ein entlastendes
Gespräch zu führen in einer angstfreien Umgebung.
Das körperlich-seelische Gleichgewicht kann neu erlernt werden
z. B. durch eine Rückenschule wo man eine bewusstere
körper-seelische Haltung übt.
Man fühlt sich aufrechter, freier, kontaktbereiter und
selbstbewusster.
Ansätze sind die körpertherapeutische Ebene, die verhaltenstherapeutische Ebene und die tiefenpsychologische Ebene.
Körperbezogene Behandlungsmethoden bei Rückenschmerzen
durch z.B.:
Verhaltenstherapie
Für die Gesundheit und Zufriedenheit eines Menschen ist es wichtig, dass er sich in seiner Umwelt behaupten und entfalten kann.
durch z.B.:
Schmerzbewältigungstraining:
Das
Schmerzerleben wird gedanklich auf die positive Vorstellungsebene
verändert.
Coping-Training:
Verhaltenstherapeutische Selbstkontroll-Techniken bieten eine
Arbeitsanleitung, wie jeder selbst sein Verhalten bzw.
Fehlverhalten registrieren, bewerten, und ändern kann.
Tiefenpsychologisch fundierte Methoden
Therapie in der Hardtwaldklinik II in Bad Zwesten bei Rückenschmerzen
Die psychosomatische Betrachtung der Rückenschmerzen wurde dargestellt vor dem Hintergrund, dass körperliche, geistige, seelische, emotionale und soziale Faktoren bei der Entstehung und Therapie berücksichtigt werden müssen.
Die innere Haltung spiegelt sich in der äußeren Haltung durch
die Körpersprache.
Es wurde gezeigt wie Muskelverspannungen und Muskelverkrampfungen
durch ungelöste psychische Konflikte entstehen können, chronisch
werden können und zu Wirbelsäulenschädigungen führen.
In der Hardtwaldtklinik II werden solche psychotherapeutischen
Behandlungen in vielfacher Weise im stationären Rahmen angeboten,
so dass auch Patienten mit Rückenschmerzen hier eine umfassende,
ursachenorientierte und sinnvolle Therapiemöglichkeit finden
können. Im Rahmen tiefenpsychologischer, analytisch orientierter
und verhaltenstherapeutischer Gruppentherapien sowie auch in den
nonverbale Verfahren mit einbeziehenden Gruppen (Konzentrative
Bewegungstherapie als körperorientiertes Verfahren sowie Musik- und
Gestaltungstherapie) können der Erkrankung zugrunde liegende
Belastungen und Konflikte aufgedeckt und bearbeitet werden, in
patientenzentrierten therapeutischen Einzelgesprächen wird dies
individuell ergänzt.
Im stationären Rahmen der Klinik wird dies auf sinnvolle Weise mit Möglichkeit zu körperlicher Betätigung, dem Erlernen eines Entspannungsverfahrens (Autogenes Training oder Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson) und ergänzenden physikalischen und physiotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten sinnvoll kombiniert. Eine kontinuierliche ärztliche Beratung und Betreuung einschließlich einer medizinischen Basisdiagnostik sind hier gegeben, so dass sich die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten und -ansätze zur Therapie der Rückenschmerzen sinnvoll ergänzen können. Der Patient bzw. die Patientin mit Rückenschmerzen können hier aktiv an einem Gesundungsprozess mitarbeiten. Da psychische Entwicklungsprozesse aber generell Zeit brauchen, wird häufig und in vielen Fällen auch eine längerfristige ambulante psychotherapeutische Weiterbehandlung im Anschluss an die stationäre Behandlung diese sinnvoll ergänzen.
Dr. F. Schubert, Oberarzt
und
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Aktualisiert am 02.03.2011