
Definition und Vorkommen
Selbstverletzendes Verhalten im weitesten Sinne ist uns allen bekannt: Alle Raucher wissen, dass sie sich mit den Zigaretten selbst schädigen. Auch übertriebener, einseitiger Sport kann z.B. akute oder chronische Gelenkschäden verursachen. Selbstverletzendes Verhalten zeigt sich in einer großen Bandbreite von Erscheinungsformen. Es reicht von direkten Einwirkungen auf den Körper wie Tätowierungen, Piercing, kosmetische Operationen u. a. über indirekte Selbstschädigungen wie ungesunde, selbstausbeuterische Lebensweise, problematische Beziehungen, in denen man sich ausnutzen lässt, bis hin zu Suchtverhalten und psychosomatischen Störungsformen. Es scheint auch eine wirksame „soziale Technik“ zu geben, derer sich z.B. jeder bedient, der sich zu viel Arbeit aufbürdet, der sich selbst schädigt und aus Karrieregründen Selbstausbeutung betreibt.
Hier soll es jedoch um selbstverletzendes Verhalten im engeren, klinischen Sinne gehen. Hiermit ist - als Leitsymptomatik - die offene Selbstbeschädigung der Haut gemeint. Am häufigsten geschieht selbstverletzendes Verhalten durch Schneiden mit Rasierklingen, Scherben oder Messern, gefolgt von Verbrennen der Haut mit Zigaretten oder einer offenen Flamme. Häufig sind auch Manipulationen an Wunden oder großflächige Kratzspuren. Deutlich seltener sind Verletzungen durch das absichtliche Schlucken von unverdaulichen Substanzen wie Putzmitteln oder Schmuck, durch heftiges Schlagen des Kopfes an eine Wand, Beißen, Haare -Ausreißen, Verätzen oder Verbrühen. Lokalisiert sind die meisten Selbstverletzungen an den Unterarmen, häufiger auch an den Beinen. Rumpf und Kopf sind seltener betroffen.
Glücklicherweise sind die meisten Selbstverletzungen nur oberflächlicher Natur und hinterlassen keine entstellenden Narben. Ausnahmen bilden schwere Verletzungen, die meist von Menschen in psychotischen Zuständen ausgeführt werden. Es gibt aber auch tiefe Schnitte mit Gefäß- und Nervenverletzungen, die bleibende Schäden oder entstellende Narben hinterlassen.
Die Leitsymptomatik selbstverletzendes Verhalten (SVV) kommt nie isoliert vor. Sie ist immer verbunden mit weiteren selbstschädigenden Verhaltensweisen und Symptombildungen. Viele der Patientinnen haben Suizidversuche hinter sich. Viele leiden unter Ess- und Gewichtsstörungen. Häufig sind Adipositas oder Episoden von Magersucht, zunehmend häufig auch Bulimie (Essattacken mit anschließendem Erbrechen). Sehr häufig kommt eine Suchtproblematik durch Alkohol, Beruhigungstabletten u. a. zumindest zeitweise dazu. Ebenfalls häufig sind Angsterkrankungen in verschiedenen Ausprägungen, regelhaft findet sich eine ausgeprägte Angst vor dem Alleinsein. Eingebettet sind diese Symptombildungen in schwere Arbeits- und Beziehungsstörungen.
Die häufigsten zugrunde liegenden Diagnosen sind bei den bisher genannten leichteren Formen der Selbstschädigung schwere Persönlichkeitsstörungen:
· Borderline - Persönlichkeitsstörung
· Narzisstische Persönlichkeitsstörung
· Kombinierte Persönlichkeitsstörung
· Chronisch komplexe posttraumatische Belastungsstörung
· Dissoziative Störungen / Dissoziative Identitätsstörungen
Zur Geschlechtsverteilung gibt es unterschiedliche Aussagen in der Literatur. Unstrittig ist ein überwiegender Frauenanteil im Verhältnis von mindestens 3:1, vielleicht auch noch deutlich höher. Die Ursache dafür wird darin gesehen, dass Mädchen viel häufiger Opfer sexueller Traumatisierung werden als Jungen (ein hoher Prozentsatz der Patientinnen mit selbstverletzendem Verhalten war in der Biographie sexuellen Traumatisierungen ausgesetzt)
Wie kommen Menschen dazu, sich selbst verletzen zu
wollen?
Wenn jemand einem anderen Menschen eine brennende
Zigarette auf der Haut ausdrückt, so ist das eine Art von Folter.
Was kann einen Menschen dazu treiben, sich selbst zu
„foltern“?
Menschen, die sich selbst verletzen, haben eine höchst
problematische Beziehung zu ihrem eigenen Körper: Er steht für
alles Schlechte, er soll spannungsfrei funktionieren, ohne
Pflege und Fürsorge zu brauchen. Der Körper oder ein Teil wird zum
“Feind“, der angegriffen wird.
Zusammenfassend kann man sagen, dass selbstverletzendes Verhalten die - zumindest kurzfristige - Entlastung oder Verbesserung einer Situation zum Ziel hat. So gesehen ist selbstverletzendes Verhalten eine Verhaltensweise, die zwar prinzipiell als Entlastungs- und Regulierungsversuch angesehen werden muss, die aber trotzdem dysfunktional ist. Entsprechend kommt es auch nach der selbstverletzenden Entlastung häufig zu Schuld- und Schamgefühlen.
Umgang bei selbstverletzendes Verhalten
Die Haltung der Therapeuten bzw. auch des
Behandlungsteams in unserer psychotherapeutischen Klinik ist im
Umgang bei selbstverletzendem Verhalten von großer Bedeutung. Sie
schließt die Eigenverantwortung der PatientInnen
ausdrücklich ein, auf die von Anfang an im Rahmen der
Therapievereinbarung Bezug genommen wird. Auch die Therapeuten
müssen ihre eigenen Grenzen bezüglich selbstverletzendes Verhalten
geklärt haben und es bedarf eines guten Austausches und intensiver
Zusammenarbeit im Behandlungsteam, um eine gemeinsame und tragende
Basis für das therapeutische Vorgehen herzustellen.
Wir können in der psychotherapeutischen Klinik das Vorkommen von selbstverletzendes Verhalten natürlich nicht verhindern. Unserer Vereinbarung gemäß gehen wir davon aus, selbstverletzendes Verhalten als Ausdruck impulsiver momentaner Entlastungen zu tolerieren, jedoch keine Vorbereitungen dafür zu dulden. Das bedeutet zum Beispiel, dass Rasierklingen und Messer beim Pflegepersonal abgegeben und nicht auf dem eigenen Zimmer behalten werden dürfen.
Zu Beginn der Behandlung wird eine individuelle Behandlungsvereinbarung getroffen, dabei nimmt die Motivationsklärung der PatientInnen einen breiten Raum ein. Möglichkeiten und Grenzen der Behandlung werden besprochen. Zentral dabei ist die Eigenverantwortlichkeit der PatientInnen und die Einbeziehung ihrer aktiven Mitarbeit von Anfang an. So erarbeiten wir einen Stufenplan zur Bewältigung von Spannungszuständen, um selbstverletzendes Verhalten zu minimieren bzw. zu verhindern, der für alle Beteiligten verstehbar und verbindlich ist.
Selbstverletzendes Verhalten wird somit als - vorläufig - letzte Regulierungs- und Entlastungsfunktion anerkannt und gleichzeitig wird die Entwicklung von alternativen Möglichkeiten eingefordert. Das multiprofessionelle Team aus Therapeuten, Pflegepersonal, Physiotherapeuten u. a. hat Grenz- und Haltefunktion, fördert die Realitätsbeziehung und ermöglicht in diesem Sinne Selbstfürsorge. Neben dem notwendigen Verständnis für die jeweilige Situation bedarf es dabei auch dosierter Konfrontation mit destruktiven Anteilen und dysfunktionalen (schädlichen) Verhaltensweisen.
Bei mindestens Zweidritteln aller PatientInnen, die sich selbst verletzen, lassen sich klar umschriebene Kindheitstraumata finden: Verwahrlosung, aggressive körperliche Misshandlung und/oder sexuelle Traumatisierung. Auf diesem Hintergrund wird deutlich, dass das Gesamtkonzept für selbstverletzendes Verhalten die Traumatherapie darstellt.
Die stabilisierende Traumatherapie umfasst folgende Behandlungsschritte:
Dr. med. R. Kerner,
Integrative Traumatherapie
Abt. Psychotherapie und Psychosomatik
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Aktualisiert am 08.06.2011