
Warum stationäre Gestalttherapie? Herausnahme aus dem häuslichen und beruflichen Konfliktfeld
Ressourcenorientierter Ansatz gegenüber Problemfixierung
Zusammenspiel der psychotherapeutischen Ansätze oder „Intermediales Arbeiten“
Komponenten/Bausteine eines Gesamtsettings
Warum stationäre Gestalttherapie?
Herausnahme aus dem häuslichen und beruflichen Konfliktfeld
Die besondere Möglichkeit der stationären Psychotherapie / stationären Gestalttherapie besteht erst einmal darin, dass der Patient durch die „Herausnahme“ aus seinem Konfliktfeld eine momentane Entlastung erfährt, es ihm aus dem so gewonnenen Abstand oft leichter möglich ist, die häuslichen Schwierigkeiten zu überdenken. Es wird ihm eine unterschiedliche Wahrnehmung ermöglicht von sich selbst zu Hause und in der Klinik, und er kann seine Aufmerksamkeit vermehrt auf die Unterschiede richten. Dies trägt zu seinem Erleben des „Abstandes“ wesentlich bei.
Nach einiger Zeit kommt es dann zu „Reinszenierungen“, das heißt, den meisten Patienten passiert es, dass sie sich in einer vergleichbaren Weise erleben wie zu Hause oder am Arbeitsplatz, also möglicherweise genauso zurückhaltend, ängstlich oder forsch und energisch, was zu ähnlichen Konflikten in der Gruppentherapie führen kann wie zu Hause. Diese machen jedoch deutlich, inwiefern sie selbst dazu beitragen, bestimmte Situationen oder Probleme mit aufrecht zu erhalten. Wenn sie wahrgenommen und überdacht werden können, kommt es in einer solchen Situation regelmäßig zu einem großen „AHA“-Erlebnis.
Durch die Herausnahme aus dem möglicherweise schon lang anhaltenden häuslichen Konfliktfeld und dieser gleichzeitigen „Reinszenierung“ derselben Konflikte vor einem völlig anderen Hintergrund, nämlich der Situation in einer Klinik, kann die eigene Handlungsweise deutlicher wahrgenommen werden. Erleichtert wird dieser Prozess natürlich auch dadurch, dass diese „Reinszenierung“ in der Klinik nicht so chronisch verfestigt ist wie in der Heimatsituation. Dadurch fällt es leichter, sozusagen aus der Perspektive eines „Beobachters“ nach neuen Handlungsmustern zu suchen und diese im Experiment auszuprobieren. Dazu bietet eine große Klinik mit über 200 Patienten ausreichend Möglichkeit: die vielen Situationen vom Speisesaal bis zur Begegnung mit dem Therapeuten können dann im Sinne eines „sozialen Übungsplatzes“ genutzt werden, um neue Verhaltensweisen, die in der Therapie erarbeitet wurden, auch im sozialen Umfeld auszuprobieren und sich dann über Rückmeldungen und Rollenspiele eine vertiefte Wahrnehmung des eigenen Verhaltens zu erarbeiten.
Eine psychosomatische Klinik muss daher den Rahmen einer therapeutischen Gemeinschaft bieten, in dem Begegnungen und Auseinandersetzung erleichtert möglich sind. Durch die Schaffung einer „Du“-Ebene unter den Patienten und die gemeinsamen Erlebnisse in den Therapiegruppen wird der Umgang und der Kontakt der Mitpatienten untereinander erleichtert und die gegenseitige Hilfe und Unterstützung - einem familiären Rahmen gleich - wesentlich intensiver und gibt Lust und Kraft für das Ausprobieren neuer Verhaltensweisen.
Stationäre Gestalttherapie: Ressourcenorientierter Ansatz gegenüber Problemfixierung
Um diese Energie zu erschließen, ist es jedoch zunächst nötig, Patienten in Kontakt mit ihren inneren Kraftquellen (Ressourcen) zu bringen, die oft auf Grund der schwerwiegenden und langandauernden Problemsituationen nicht mehr gesehen werden können. Besonders hilfreich sind hierfür die vielfältigen körper- und sporttherapeutischen Angebote, die von einer stark psychotherapeutisch orientierten Integrativen Leib- und Bewegungstherapie bis hin zu Boxsack-Training, Sauna, Schwimmbad und Jogging gehen.
Durch diesen Schwerpunkt auf körperorientierte Behandlungsansätze kann bereits über die verbesserte Wahrnehmung des eigenen Körpers und das Wiederspüren einer körperlichen Leistungsfähigkeit, insbesondere bei depressiven Patienten, ein Umschwung eingeleitet werden, der wieder eine Lust an Bewegung und Leiblichkeit entstehen lässt und damit auch eine Lust an Handlung überhaupt. Vor diesem Hintergrund einer gesteigerten und verbesserten Leiblichkeit ist es eher möglich, sich schwerwiegenden oder traumatischen Problembereichen zu nähern, oder wie wir Gestalttherapeuten sagen: „offene Gestalten“ aus der Lebensgeschichte zu schließen, und die Kraft zu Abschied und Neubeginn zu finden.
Wichtig ist natürlich, dass dieser vitalisierende Effekt, der in der stationären Gestalttherapie entsteht, darüber hinaus erhalten bleibt, denn es geht schließlich darum, einen bewegungsaktiven Lebensstil in das Alltagsleben zu übernehmen. Deshalb ist es bereits in der stationäre n Arbeit wichtig, dass die Patienten für die Ansätze, die als besonders hilfreich erlebt werden, Möglichkeiten finden, sie in ihr Alltagsleben zu integrieren. Dass dies nicht immer problemlos gelingt, ist wohl einleuchtend, so dass es von besonderer Wichtigkeit für die nachfolgende ambulante Weiterbehandlung ist, Patienten nach einer stationäre n Behandlung immer danach zu befragen, inwieweit sie die erlernten Entspannungsverfahren, Bewegungsansätze und ähnliches auch tatsächlich fortführen, um sie hierin eventuell entsprechend zu beraten und zu unterstützen.
Stationäre Gestalttherapie: Zusammenspiel der psychotherapeutischen Ansätze oder „intermediales Arbeiten“
In unserer gestalttherapeutischen Abteilung haben wir Therapeuten verschiedener gestalttherapeutischer Ansätze und konnten damit ein Therapieprogramm zusammenstellen, in dem sich „verbale“ Gruppen (in denen Problembereiche besprochen, Rollenspiele stattfinden und sich die Gruppenmitglieder austauschen) und „nonverbale“ Gruppen (Gruppen, in denen der kreative Ausdruck wie Malen, Bewegung u.a. im Vordergrund steht) abwechseln.
Eine weitere besondere Möglichkeit in der Klinik besteht für die Patienten deshalb darin, dass so ein und dieselbe Thematik nacheinander mit Worten oder dramatischen und anderen Gestalttechniken behandelt werden kann, z.B. in der nächsten Stunde durch Bewegung, Musik oder kreative Kunst. Dieser sogenannte „Medienshift“, also der Wechsel von „Sprechen über ein Thema“ zu „Malen eines Themas“ u.a. hat bereits für sich allein genommen einen starken kreativen Impuls, die eigene Thematik von verschiedenen Seiten aus zu betrachten. Wenn ich über dieselbe Thematik rede, eine Geschichte schreibe, oder eine Bewegung dazu mache usw., findet automatisch ein Verarbeitungsprozess statt und ein Problembereich oder eine „offene Gestalt“ kann sich weiter schließen. Dies ist ein wichtiger Vorteil des multiprofessionellen Settings einer Fachklinik, das in dieser Dichte und Vielseitigkeit nur in einer stationären Behandlung ermöglicht werden kann.
Für viele Patienten ist es ebenso hilfreich, dass durch die unterschiedlichen Therapeuten auch unterschiedliche persönliche Aspekte in die Begegnung hinein kommen. In der Klinik haben sie die Möglichkeit, mit verschiedenen Therapeuten verschiedene Intensitäten und Qualitäten von Begegnungen zu erleben und dadurch in einer sehr komprimierten Form Begegnung differenzieren bzw. unterscheiden zu lernen. Eine hohe Intensität an Begegnung geschieht auch in den verschiedenen Gruppentherapien, in denen das Erleben der Gruppe miteinander und der spontane Prozess der Gesamtgruppe immer wieder besprochen wird. Oft ergeben sich hieraus Themen für die einzelnen Gruppenmitglieder, die dann mit Techniken der Gestalttherapie bearbeitet werden können. Von besonderer Bedeutung für die Intensität der stationäre n Behandlung insgesamt ist das kommunikationsfördernde Klima einer psychosomatischen Fachklinik.
Komponenten/Bausteine eines Gesamtsettings bei der stationären Gestalttherapie
Verschiedene Anwendungen sind jetzt bereits erwähnt worden. Die weiteren wesentlichen Bausteine sind die wöchentlichen Visiten am Anfang der Woche, in denen eine Zusammenfassung des gegenwärtige Stands der Therapie erfolgt, und mögliche Änderungen besprochen werden. Des weiteren die typische doppelstündige Gestaltgruppentherapie mit dem Schwerpunkt auf der Einzelarbeit in der Gruppe aber auch interaktionellem Austausch und die nonverbalen Gruppentherapien in Bewegung, kreativer Kunsttherapie und Musiktherapie. Schließlich die Veranstaltungen der therapeutischen Gemeinschaft, die Vollversammlung, Selbsthilfegruppen und die körpertherapeutischen Angebote wie wahrnehmungsorientierte Feldenkrais-Arbeit, Massagen und Badeanwendungen wie auch sportliche Veranstaltungen, Boxsacktraining, Jogging, Schwimmen und Sauna.
Der Bezugstherapeut in der stationären Gestalttherapie
Zentrale Person ist dabei der Bezugstherapeut, der 8 – 10 Patienten betreut. Seine Aufgabe ist es, dem Patienten bei der Integration dieser Vielfältigkeit zur Seite zu stehen, je nach Individualität des Patienten fördernd, bestätigend oder auch bremsend, z.B. wenn ehrgeizige Patienten alle Angebote auf einmal wahrnehmen wollen und dadurch in einen extremen Erlebnisstress hineingeraten. Oder fördernd, wenn eher ängstliche Patienten viel Zuspruch und Vertrauen brauchen, um Neues in Begegnungen zu wagen. Die Begegnung zwischen Patient und Bezugstherapeut stellt im allgemeinen die Basis der Therapiebeziehung dar, wenn sie auch in der Gruppentherapie durch die Beziehung zu Gruppentherapeuten und zu den Mitpatienten deutlich abgemildert wird. Trotzdem bleibt die wertschätzende Akzeptanz, das Spüren der Begegnungsbereitschaft von Seiten des Therapeuten, seine liebevolle Unterstützung und Konfrontation ein wichtiger Bereich/das Kernstück einer begegnungsorientierten Therapieform wie der Gestalttherapie.
Die hier beschriebene intensive und einfühlsame Beziehungsarbeit stellt auch hohe Ansprüche an die Therapeuten, die dafür ein dichtes Netz von Supervisionen, Reflexionen, Intervisionen und kollegialen Gesprächs benötigen, um offen zu bleiben für die besondere neue Begegnung eines gerade neu angereisten Patienten. Eine wichtige Hilfe sind dafür die Kleinteams, in denen sich Bezugstherapeut und OA sowie die Gruppentherapeuten und Kreativtherapeuten treffen, um wöchentlich den Prozess der einzelnen Patienten zu besprechen. Regelmäßige Supervision und ein intensiver, informeller Austausch unter den Therapeuten sind bei einem guten Betriebsklima die beste Voraussetzung für psychische Gesundheit an einer Arbeitsstelle, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, einen Beitrag zur Heilung der Patienten zu leisten.
B. Landgrebe
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Aktualisiert am 08.06.2011