
Begegnung mit dem Trauma, Traumatherapie - Phase II
In der Traumabehandlung ist die Traumaexposition die
zweite von den insgesamt 3 Phasen der Traumatherapie. In der
Trauma-Exposition geht es um die direkte Bearbeitung der
traumatischen Erfahrungen. Unbedingte
Voraussetzung für eine Trauma-Exposition und wichtiger
Bestandteil der Traumatherapie ist eine ausreichende
Stabilisierung.
(Siehe Teil 1 - Allgemeine Grundlagen zur Integrativen
Traumatherapie und ausführliche Details zu
Stabilisierungsbehandlung im Internet unter
Traumatherapie)
Wie Sie dort sehen können, beginnt für jeden die Traumatherapie mit einer Phase der Stabilisierung. Diese kann je nach Lebenssituation und Schwere der Problematik mit entsprechender Symptomatik unterschiedlich lang sein. Für die einen kann sich an diese Stabilisierungsphase die Trauma-Exposition anschließen. Für andere geht es während des gesamten stationären Aufenthaltes ausschließlich um Stabilisierung. Dies wird von Ihren Bezugstherapeuten individuell mit Ihnen besprochen. Bei akuten einmaligen Traumata im Erwachsenenalter kann häufig nach einer relativ kurzen Stabilisierungsphase mit der Trauma-Exposition begonnen werden.
Bei (sexuellen) Traumatisierungen in der Kindheit und chronisch komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen ist dagegen eine gründliche und ausreichende Stabilisierung von größter Bedeutung.
Durch die quälenden Symptome, die das Leben so drastisch beeinträchtigen, entsteht oft ein hoher Leidensdruck mit dem verständlichen Wunsch, von der Qual befreit zu sein („Augen zu und durch“). So gut wir diesen Wunsch verstehen können und dabei Unterstützung anbieten möchten, den großen Leidensdruck zu lindern, können wir diesem Wunsch doch so schnell und ohne ausreichende Sicherungsmaßnahmen nicht nachgeben.
Dies lässt sich vielleicht mit einem Beispiel verdeutlichen: Wird irgendwo ein alter Sprengkörper gefunden, so werden zunächst umfassende Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Der Fundort wird weiträumig abgesperrt und evakuiert, es kommen Spezialisten und schließlich wird nach langen und umfangreichen Vorbereitungen begonnen, den Sprengkörper unschädlich zu machen. Niemand käme dabei auf die Idee, z. B. auf ihn zu schlagen, um ihn möglichst schnell zur Explosion zu bringen.
Dieses Beispiel kann man auch im übertragenen Sinne für die Bearbeitung traumatischer Erfahrungen heranziehen. Zu schnell und unzureichend vorbereitet an eine traumatische „Bombe“ heranzugehen, würde bewirken, dass sie explodiert und eine verheerende Wirkung entfaltet. Das häufige Argument, dass es doch auch so schon schlimm genug sei und schlimmer kaum noch kommen könne, ist als Ausdruck der Störung, unter der Sie leiden, sehr verständlich. Und doch ist dies nur die eine Seite Ihrer Realität. Viele der Symptome, unter denen Sie leiden, sind ursprünglich sinnvolle Schutzmechanismen gewesen, die sich später jedoch verselbständigt haben. So haben z. B. Dissoziationen auch heute noch eine Schutzfunktion, um Sie vor dem ganzen möglichen Ausmaß des Grauens zu bewahren. Liegt keine ausreichende Stabilität vor und wird dieser Schutz durch eine zu frühe „Explosion“ zu schnell weggenommen und Sie sind dann dem vollen Ausmaß der traumatischen Erfahrungen mit all seinen Folgen schutzlos ausgeliefert. Dies ist nicht heilsam, sondern kann im Gegenteil zu einer gravierenden Verschlechterung Ihrer Befindlichkeit führen! Es gibt daher kaum einen größeren Fehler in der Traumatherapie als eine zu frühe Trauma-Exposition!
Deshalb können wir Ihr Drängen zwar verstehen, werden aber - in Ihrem Sinne - eine Trauma-Exposition erst beginnen, wenn Sie aus unserer Sicht gründlich und ausreichend darauf vorbereitet sind. Für viele Betroffene mit einer chronisch komplexen Traumatisierung kann das bedeuten, dass es während des gesamten stationären Aufenthaltes bei uns „nur“ um Stabilisierung geht und eine Exposition vielleicht erst bei einem späteren Aufenthalt im Rahmen einer Intervalltherapie durchgeführt werden wird.
Trauma-Exposition: Techniken
Um die traumatischen Erlebnisse direkt zu bearbeiten, bedarf es spezieller Techniken, da sich in der Vergangenheit leider immer wieder gezeigt hat, dass sich durch bloßes „darüber Reden“ - völlig unabhängig von der therapeutischen Schule - keine wirkliche Verbesserung der posttraumatischen Störung erreichen lässt, es vielmehr sogar zu einer Verschlimmerung führen kann. In den letzten Jahren sind verschiedene Methoden entwickelt worden. Alle haben ihre Vor- und Nachteile, weswegen wir jeweils individuell mit Ihnen besprechen, welche Technik aus unserer Sicht die für Sie hilfreichste ist. In der „Integrativen Traumatherapie“ verwenden wir hauptsächlich die
· Beobachtertechnik,
· Bildschirmtechnik und
· EMDR.
Trauma-Exposition: Beobachtertechnik
Bei dieser Methode wird versucht, mit dem sog. „inneren Beobachter“ die traumatischen Ereignisse zu integrieren. Dieser hat als innerer Zeuge die Geschehnisse miterlebt, ist jedoch emotional nicht beteiligt. Während alle, welche die Traumatisierungen direkt erlebt haben, an den inneren sicheren Ort gebracht werden, um nicht von Flashbacks überwältigt zu werden, kann der innere Beobachter der/dem Therapeutin/en von den Erlebnissen berichten, sie in Worte fassen und damit einem anderen Menschen mitteilen, was bisher nicht aussprechbar war.
Trauma-Exposition: Bildschirmtechnik
Bei diesem Verfahren schauen sich PatientIn und TherapeutIn gemeinsam „das Video“ der traumatischen Erlebnisse an. Als Vorbereitung hat sich die/der Patient/in mit den Funktionen des „Videorecorders“ vertraut gemacht, d. h. es können imaginär Vorlauf, Rücklauf, Standbild etc. eingestellt werden. Hierdurch ist es möglich, die Belastung durch das Anschauen des Videos so zu dosieren, dass es zu keiner Überflutung kommt.
Trauma-Exposition: EMDR
EMDR („Eye Movement Desensitisation and Reprocessing“) wurde in den USA entwickelt und ist die am besten untersuchte und dokumentierte Traumaexposition stechnik. Die Theorie geht davon aus, dass traumatische Erfahrungen von unserer Seele (Psyche) nicht verarbeitet werden können, sondern im Gehirn „eingefroren“ werden und eine entsprechende Symptomatik entwickeln können. Spätestens seit Sigmund Freud, dem Begründer der modernen Psychotherapie Anfang des letzten Jahrhunderts, wissen wir, wie wichtig unsere Träume sind, da wir dort viele psychische Belastungen verarbeiten. Aus der modernen Schlafforschung wissen wir, dass wir jede Nacht mehrmals träumen, auch wenn wir uns meist am Tag nicht daran erinnern können. Wenn wir nachts träumen, vollführen wir im Schlaf schnelle Augenbewegungen, weswegen diese Schlafphasen auch „REM-Phasen„ genannt werden („Rapid Eye Movement“). Diese seelischen (psychischen) Vorgänge, die im Traum unwillkürlich und unbewusst geschehen und die für die seelische Gesundheit so wichtig sind, macht man sich beim EMDR im Wachbewusstsein zu Nutze. Zunächst werden die mit einem traumatischen Erlebnis verbundenen Auswirkungen erarbeitet, d. h. die zugehörigen inneren Bilder, negativen Gedanken, Gefühle und Körperwahrnehmungen werden besprochen. Ist dies erfolgt, wird die/der Patient/in aufgefordert, den Fingerbewegungen des Therapeuten mit den Augen zu folgen und die Augen damit hin und her zu bewegen. Gleichzeitig soll sie/er wahrnehmen, was währenddessen in ihr/ihm vorgeht, z. B. innere Bilder, Gedanken, Gefühle. Nach einer Anzahl solcher Augenbewegungen erfolgt eine Pause, in der von dem zwischenzeitlich Erlebten berichtet werden kann, aber nicht muss. Dieser Vorgang wird mehrmals wiederholt. Hierdurch werden intensive Verarbeitungsprozesse möglich. Am Ende einer jeden Expositionssitzung werden erneut Gedanken, Gefühle und die Körperwahrnehmung besprochen und abschließend auf einer Skala bewertet.
Trauma-Exposition: Es handelt sich bei EMDR
keineswegs um eine Form der Hypnose oder Trance, vielmehr ist eine
wache Aufmerksamkeit unbedingt erforderlich.
Die
Wirksamkeit von EMDR konnte erfolgreich bei Vietnamkriegs-Veteranen
belegt werden, von denen viele unter posttraumatischen
Belastungsstörungen litten und alle bisherigen
Therapieversuche wenig Erfolg gezeigt hatten. Diese Wirksamkeit
konnte inzwischen durch eine Vielzahl weiterer internationaler
Studien belegt werden und entspricht auch unserer eigenen Erfahrung
mit den Patientinnen und Patienten unserer Abteilung.
B. Landgrebe
© 1997- Wicker-Gruppe |
Seite empfehlen |
Seitenübersicht |
Suche |
Aktualisiert am 08.06.2011